June 7, 2017

GINA FOLLY

Participants

Domestic Problems, C-Print, 2016

Die Assimilation an einen Lebensraum ist für den Menschen genauso wie für die Natur unumgänglich. Beide versuchen die Umgebung anhand ihrer Bedürfnisse (um-)zu gestalten, wobei der Mensch für ein Ungleichgewicht sorgt, indem er die Natur nicht selten zu domestizieren versucht.

Die Künstlerin Gina Folly (*1983) zeigt dies in ihren komplexen Arbeiten auf.

An der Plattform 15 im ewz-Unterwerk Selnau überraschte sie den Besucher mit hochpolierten Boxen aus Polykarbonat, die unerreichbar an den Fabrikwänden hingen. Mehrere Aushöhlungen evozierten einen Unterschlupf für kleinere unsichtbare Wesen – wie der Werktitel Magic Box (2015) suggeriert. Diese Funktion wird durch die leblosen und kalten Betonmauern nivelliert.

Die minimale Architektur stammt aus den Affengehegen des Basler Zoos und dient dort als Produktionstool und Platzhalter für Termitenhügel, in jenen die Tiere in freier Wildbahn nach Nahrung suchen. In Gina Follys kontextueller Verschiebung der eigens für die Biotopsimulation entwickelten Räume, wird die Überführung des Exotischen in unsere westliche Sphäre thematisiert. Durch eine kontrollierte Fürsorge können wir das Fremde in unsere Umgebung integrieren und erschaffen einen neuen Lebensraum.

 

 

Installation shots, I want you to live in my city, March 3 – May 3, 2017, Ermes-Ermes, Vienna, Courtesy of Ermes-Ermes, Vienna

Gina Folly könnte man als eine stetig Reisende bezeichnen. Sie verzichtet auf ein statisches Atelier und macht so ihre Umgebung zum Kreativitätspool. Für die Regionale 14 in der Kunsthalle Basel migrierte sie aus Japan Pflanzensamen, die in ästhetisch ansprechenden fragilen Gläsern zum Thema „Warum ist Landschaft schön?“ unter der Pflege der Künstlerin gedeihen.

Ähnlich wie bei den Magic Boxen entzieht sich auch die Flora einer natürlichen Umgebung. Die Frage ist nun, ob die Natur schön ist, wenn sie kontrolliert und gezähmt wird? Nicht selten bahnt sie sich ihren eigenen Weg und kann sogar zur Bedrohung werden oder als Neophyt eine bestehende Biosphäre zerstören.

Kontrolle kann nach Gina Folly nicht nur physisch, sondern auch psychisch erfolgen. In der Arbeit Untitled (Haemanthus albiflos, Suite) (2013) nimmt sie den Mythos auf, dass Pflanzen unter Einfluss von Musik besser wachsen, und berieselt das Elefantenohr, so der deutsche Name, mit fruchtbaren Tönen. Überraschenderweise, wie Gina Folly selbst anmerkt, wurde dieses Werk angekauft, sodass sich nun das Museum um das Kulturgut kümmern muss.

Ginerva Gambino, Temporarily Unavailable, Installation view

In der neuen Arbeit Basic Needs I-V, die auch an den Swiss Art Awards gezeigt wird, verlässt die Künstlerin die exotischen Welten und begibt sich in ihre vier Wände. Die notwendige Intimität aber auch die Dünnwändigkeit in einer Wohngemeinschaft übersetzt Gina Folly in fünf geöffnete Umzugskartons. Sie decken die nötigsten Bedürfnisse ab: die Erhaltung der Privatsphäre durch vier Wände, eine angebrachte Belüftung und ein Vorhängeschloss. In den Kisten wird mit einem portablen Beamer eine Auswahl an gesammeltem Videomaterial projiziert. Die kurzen Sequenzen, beispielsweise von einer Katze, die ihr Junges putzt während es gesäugt wird oder von einer Fisch-Pediküre, erinnern nicht nur an die bereits angemerkte Ver- oder Umsorgung, sondern auch Follys Faszination an alltäglichen Momentaufnahmen.

Die mit Ideen gefüllten Zwischenräume zeigen Gina Follys laufend wachsendes Archiv, das sie im Dialog mit Arbeiten anderer Künstler ergänzt. Im Kunstraum Taylor Macklin in Zürich lädt sie zusammen mit Michèle Graf und Selina Grüter inter- und nationale Kunstschaffende ein, da wie sie betont, die eigene Arbeit nur durch neue Eindrücke wachsen kann.

Text: Beatrice Zaidenberg