May 17, 2017

MARTINA-SOFIE WILDBERGER

Participants

Courtesy BAK, Guadalupe Ruiz 2017

Martina-Sofie Wildbergers Interesse gilt der erzählerischen Ebene, dem Rhythmus und der akustischen Artikulation von Sprache. Ihre künstlerische Praxis umfasst Textarbeiten sowie Lectures und Performances, die vom Verhältnis von Sprache, Bewegung und Raum bestimmt sind. In der Kopplung des mündlichen Vortrags mit präzise choreografierten Bewegungsabläufen werden ihre Texte räumlich und sinnlich erfahrbar.

Das Nachdenken über die Mechanismen sowie die zentrale Bedeutung des Sprechens für
die mündliche Kommunikation bestimmte ihre künstlerische Recherche während eines sechsmonatigen Atelieraufenthalts in New York. Aufmerksam für den Klang, die Dynamik und die sprachlichen Charakteristika der Metropole, ermöglichte eine persönliche Kartierung der Stadt: Fragmente aus Werbeslogans, die programmatische Rhetorik des Amerikanischen Wahlkampfs sowie popkulturelle Statements finden ebenso Eingang wie Diskussionen über Ausstellungs-
und Theaterbesuche oder aufgeschnappte Gesprächsfetzen und alltägliche Floskeln. Dieses Textmaterial kombiniert die Künstlerin nach formalen Ähnlichkeiten, rhythmisiert es, führt es in der Wiederholung ins Absurde und verdichtet es zu Textbausteinen. Dabei spielen die Aussprache und die klangliche Dimension der mündlich gedachten Texte eine wichtige Rolle: Alliterationen, assoziative Wortverkettungen, Analogien im Sprachbild und lautmalerische Ausdrücke, klug werden literarische Stilmittel aufgegriffen und adaptiert. Das Gedicht „I want to say something“ konzentriert sich auf die Wiederholung der Ansage, etwas sagen zu wollen, ohne dies auch zu tun. Der Kürzestdialog „They talk about poetry“ gibt das aufs Nötigste reduzierte Gespräch von zwei Personen wieder, die sich über den Austausch ihrer Lektürevorlieben kennenlernen. Aus dem Historical Artist wird unversehens ein Hysterical Artist.

Martina-Sofie Wildberger, A DUET BETWEEN PROJECTION AND IMMEDIACY, 2016, Performance über 3 Stunden, 3 Sequenzen: Center Piece, Corner Piece, Wall Piece, jeweils 3 Min., zusammen mit Julia Sewing, 100 T-Shirts, Haus Konstruktiv, Zürich, Foto: Dominik Zietlow

In den auf den ersten Blick simplen Wortspielen blitzen immer wieder Wildbergers Auseinandersetzung mit ihrer persönlichen Beziehung zu Sprache einerseits wie auch die Reflexion des Mediums als poetisches und politisches Instrument andererseits auf: Wie kommunizieren wir? Wofür ergreifen wir das Wort? Wie kann man etwas sagen, dass man gehört wird? Welcher Tonfall, welche Gesten und Körperhaltungen verleihen dem Gesprochenen Ausdruck?

An den Swiss Art Awards zeigt Martina-Sofie Wildberger die Performance „SPEAK UP!“ (to
speak up: engl. für „das Wort ergreifen“, „lauter sprechen“, „für etwas oder jemanden einstehen“). Die Texte dienen als Ausgangsmaterial, die nach einem bestimmten Regelsystem von vier Performern zur Aufführung gelangen: From wall to wall / Back against the wall / Back to back / In

front of each other / Too close in front of each other, intimate / Where in space / Everywhere lauten die losen Regieanweisungen der Künstlerin an die Performer, dazu kommen eine vorgegebene Zeitangabe. Die vier Performern nutzen diese Anhaltspunkte zur Improvisation und Inszenierung unterschiedlicher räumlicher Konstellationen. Mit ihren Schritten durchmessen Sie den Raum, begegnen sich zu einem kurzen Dialog, einem mündlichen Schlagabtausch, einem lauter werdenden Sprechchor der ganzen Gruppe. Es entstehen intime Komplizenschaften zwischen zwei AkteurInnen, zwischen Publikum und den Performern. Ihre Körper ziehen sich an und stossen sich ab, drehen sich umeinander, ohne sich je zu berühren. Die Berührung geschieht in ihren Blicken, im Ausloten zwischen Nähe und Distanz, im Austausch der Sätze und deren akustischer Modulation.

Martina-Sofie Wildberger, Speak Up!, 2016, Performance über 3 Stunden, zusammen mit Tobias Bienz, Denise Hasler, Tanja Turpeinen, sic! Raum für Kunst, Luzern, Foto: Dominik Zietlow

In der Wiederholung der Textfragmente gibt es klare Muster und Beziehungen, die im
Verlauf der Performance sichtbar werden. Die Wiederholung ist jedoch nie dieselbe: Durch
die wiederkehrenden Abläufe präzisieren sich die Bewegungen. Eine überraschende
Wendung im Tonfall gibt dem Gesprochenen eine neue Bedeutung, rückt es in einen anderen Sinnzusammenhang. Dazu kommen die Variationsmöglichkeiten von Aussprache und Lautstärke, der eigene Akzent der Sprechenden unterstreicht das Persönliche des Sprechakts. Damit lässt sich das Spektrum der mündlichen Meinungsäusserung ausloten, bis zur perfekten Beherrschung der Optionen in beschränktem Feld. Der Raum wird zur Bühne, zur Landschaft, zum Echoraum.
Dann eine Pause – Stille – Stillstand. Die Absenz des Gesprochenen führt dem Betrachter die eigene Präsenz im Raum vor Augen. Everybody is gone. Was bleibt ist ein Nachhall, das Schweigen als äusserste Konsequenz des Sprechens.

Text: Eva-Maria Knüsel

4. Martina-Sofie Wildberger, A DUET BETWEEN PROJECTION AND IMMEDIACY, 2016, Performance über 3 Stunden, 3 Sequenzen: Center Piece, Corner Piece, Wall Piece, jeweils 3 Min., zusammen mit Julia Sewing, 100 T-Shirts, Haus Konstruktiv, Zürich, Foto: Dominik Zietlow

Was fördert Kunst?
Für mich sind Kontextwechsel sehr wichtig. Die letzten Jahre hatte ich die Möglichkeit an verschiedenen Orten – von Paris ging es nach New York und weiter nach Berlin – zu leben. Sich auf diese fremden Orte einzulassen, in die Sprache einzutauchen und neue Freundschaften zu knüpfen haben mir nicht nur ermöglicht Teil von etwas Neuem zu werden, sondern auch den Blick auf das Vorherige geschärft. Dieses Bewusstsein für kleinste Verschiebungen und ihr Spannungsverhältnis sind oft der Ausganspunkt für meine künstlerische Recherche.

Kann man Kreativität fördern?
Finanzielle Unterstützung ist nicht vorrangig ausschlaggebend für die Kreativität. Sie gibt mir als Künstlerin jedoch einen gewissen Spielraum, in dem ich meine künstlerischen Projekte realisieren kann.

Muss sich Kunst verkaufen können?
Auf keinen Fall. Als Performancekünstlerinnen steht für mich die Erfahrung eines präzisen, oft kollektiv erlebten Momentes im Zentrum. Der materielle und potentiell monetäre Wert ist sekundär und soll, wenn überhaupt, nicht der wirtschaftlichen, sondern der konzeptuellen Dimension der Arbeit dienen. Ganz im Sinne von John Dewey ist Kunst Erfahrung.

Gehört die Kunst in den öffentlichen oder privaten Besitz?
Kunst ist immer Teil einer persönlichen Auseinandersetzung zwischen dem Betrachter, dem Werk und dem Künstler. Was genau in diesem Spannungsfeld passiert ist unterschiedlich und kann sich kontextabhängig ändern. Kunst ist eine persönliche Erfahrung, die jedoch gleichzeitig im demokratischen Sinn ein öffentliches Kulturgut sein soll.