June 10, 2016

CHRI FRAUTSCHI

Participants 2016
Vernissage Linus Bill / Adrien Horni, Biel (Foto: Chri Frautschi)

Vernissage Linus Bill / Adrien Horni, Biel (Foto: Chri Frautschi)

Chri Frautschi (1969) ist seit 2006 aktiver Kurator und Leiter von Lokal-int, Raum für zeitgenössische Kunst in Biel.

Der Raum wurde 2006 gegründet und versteht sich als Keimzelle für eine lebendige Kunst. Dort werden Präsentationen, Happenings und Interventionen im Bereich bildende Kunst organisiert und es finden dort auch Konzerte (u.a. „kopfhoerer“, Plattform für experimentelle Musik) und anderes statt. Lokal-int beherbergt eine Vielzahl aktiver Bieler KünstlerInnen und stellt dem Publikum zahlreiche KünstlerInnen aus der Schweiz und dem Ausland vor. Er fördert überdies die Vernetzung verschiedener Disziplinen, den Austausch zwischen Kunstschaffenden und zwischen Kunstschaffenden und dem Publikum und stellt aktuelle künstlerische Positionen vor – und zur Diskussion.

Durch seine exponierte Lage positioniert sich der Off-space in der Öffentlichkeit und funktioniert als Fenster für zeitgenössische Kunst und experimentelle Arbeiten im städtischen Raum im konstanten im Austausch mit zahlreichen kuratorischen Initiativen.

Womit beschäftigst du dich derzeit?

Ich versuche gerade eure Fragen zu beantworten.

Kopfhörerkonzert Dragos Tara,  Lausanne (Foto: Chri Frautschi)

Kopfhörerkonzert Dragos Tara,  Lausanne (Foto: Chri Frautschi)

 

Das diesjährige graphische Oberthema der Schweizer Kunstpreise ist «Migration». Was ist Dein Weg oder Hintergrund und inwiefern hat er Deine Wahrnehmung verändert? Welche Bedeutung haben die Begriffe «Heimat» und «Identität» für Dich?

Ich bin stark subkulturell geprägt. Mein Studium zum Kurator für postbürgerliche experimentelle zeitgenössische Kunst im semi-urbanen Raum habe ich in den Strassen von Biel absolviert. Dieser Hintergrund – oder eher Wesenszustand – fliesst in den Alltag von Lokal-int ein. Naturgemäss ist dadurch auch meine Wahrnehmung in gewissen Bereichen eine andere als diejenige von jemandem der völlig anders sozialisiert wurde. Meine erste Erfahrung als Ausstellungsmacher war in einem besetzten Haus. Lokal-int habe ich 2006 mitbegründet weil es an Ausstellungsräumen mit Nähe zur Subkultur fehlte. In diesem Themenkontext ist irgendwie auch der Begriff Identität verortet.

Heimat ist ein schwieriger Begriff. Migration als graphisches Oberthema der Schweizer Kunstpreise – zwiespältig.

Viele KünstlerInnen und KuratorInnen sind freiwillige Migranten. Ich bin eher sesshaft, beackere den kulturellen Sand der Kleinstadt Biel. Und begiesse lokale aber in einem noch grösseren Masse überregionale Pflänzchen. Ein Bauer eher als ein Jäger und Sammler. Es fällt aber auch nicht schwer an diesem Ort zu verweilen. Er ist nicht derart öde wie andere vergleichbare Orte. Und ich werde weder angefeindet noch kann ich keine persönlichen Perspektiven entwickeln.

Vielleicht könnte das die Definition von Heimat sein.

Oder dann: Migration als Fieber. Ein Symptom für den Zustand der Welt. Diesen nehme ich zur Kenntnis. Ändern kann ich ihn nicht, ausser ein wenig nett und menschlich zu sein in meinem zweiten Job – als Mitarbeiter der Notschlafstelle Sleep-In.

Installation Simon Wunderlich,  Basel (Foto: Chri Frautschi)

Installation Simon Wunderlich,  Basel (Foto: Chri Frautschi)

Die diesjährige Preisträgerin für die Kunst Adelina von Fürstenberg hat “zahlreiche Initiativen unternommen, die die Schweizerische Kunstszene unterstützt haben”. Gibt oder gab es jemanden, der deine Arbeit unterstützt hat und Einfluss auf deine Praxis, Ansätze und Strategien ausgeübt hat?

Grundsätzlich sind meine hauptsächlichen Unterstützer die vielen Künstlerinnen und Künstler die mit ihren Inhalten das Lokal-int wöchentlich beseelen und die BesucherInnen welche den Ausstellungsraum beleben und als Ort der Begegnung und der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst nutzen. All diese Menschen prägen und beeinflussen den Raum und meine Praxis.

Einfluss hatten sicher auch die Vernetzung mit anderen Kunstraumaktiven, die ich in der Anfangszeit von Lokal-int stark suchte: Marks Blond Project, Nadine Wietlisbach, Andrea Thal etc.,etc. Oder Bieler Off-Space Projekte aus den späten 80ern die ich als Jugendlicher bei ersten Stadtrundgängen für mich entdeckte.

Dann gibt es natürlich noch die finanziellen Unterstützer. Etwas staatliches Geld und einige private Stiftungen. Die nehmen zum Glück keinen Einfluss auf die Praxis – solange man den Papierkram seriös erledigt.

Ausstellung Anaïs Corti & Judith Schmid,  Biel (Foto: Chri Frautschi)

Ausstellung Anaïs Corti & Judith Schmid,  Biel (Foto: Chri Frautschi)

Mehr über Lokal-int hier.